Wieso lässt du jemanden sterben?

Kurzfilmresultate aus dem Grundlagenfach Bildn. Gestalten der 5. Klasse

Ab der 4. Klasse kann an der evangelischen Mittelschule in Schiers im Grundlagenfach Bildnerisches Gestalten auf das erarbeitete Fundament der 3. Klassen aufgebaut werden, das sich unter anderem aus den Grundlagen des Zeichnens und Malens sowie aus der Farben-, Formen-, Kompositions- und Perspektivenlehre bildet. Endlich - denken sich wohl manche SchülerInnen - kann nun ab der 4. Klasse spezifischer mit Medien gearbeitet werden. Im Unterrichtsprogramm des Grundlagenfachs stehen nebst der Vertiefung der traditionellen Medien und Grundlage der Kunstgeschichte dann auch Druckgrafik, Plastisches Gestalten, Fotografie, Architektur, Visuelle Kommunikation, Produktdesign und Film.


Über Theorie, Geschichte und Vorübungen enden diese Themen meistens in einem Praxisauftrag, der in Einzel- oder Teamarbeit ein sichtbares Resultat hervorbringt, an dem der Lernerfolg der SchülerInnen auch gemessen werden kann. Nebst der Projektkompetenz wird hierbei insbesondere die Gestaltungs- und Medienkompetenz gefördert. Die SchülerInnen erfahren, dass jedes Medium eine eigene Sprache ist und eigenen Gesetzmässigkeiten unterliegt, die es zu analysieren und zu üben gilt - wollen sie nicht zum Spielball der Konsumwelt werden. Im Folgenden möchte ich drei spannende Resultate präsentieren, die im Grundlagenfach Bildnerisches Gestalten der 5. Klasse zum Thema Film entstanden sind.


Die SchülerInnen mussten sich mit einem nicht einfachen aber allgegenwärtigen Thema auseinandersetzen: Mord und Todschlag im Film. Ein aufmerksamer Blick ins Abendprogramm der Fernsehserien und -filme zeigt, dass nur wenige Sendungen ohne Mord oder Todschlag auskommen. Es ist dasselbe Abendprogramm, welchem unsere Schüler ausgesetzt sind - falls sich diese überhaupt noch dem kanonisierten und geregelten Medium Fernsehen widmen oder doch eher auf individuellere Medienkanäle wie youtube oder spezifische Downloadserver zurückgreifen.


Zum Einstieg ins Thema analysierten die SchülerInnen mit Hilfe der Filmtheorie Beispiele aus der Filmgeschichte, so etwa Chaplins Gekidnappt (1915), Hitchcocks Vertigo (1958), Godards Ausser Atem (1960), Stones Natural Born Killers (1994), Myricks und Sanches Blair Witch (1999), Tarantinos Kill Bill (2003). Dabei lernten die SchülerInnen nicht nur die Ästhetk des Mediums kennen, sondern gingen der Frage nach, wieso ein Regisseur eine Figur im Film sterben lassen mag: dramaturgische, historische, voyeuristische, symbolische, sozialkritische Gründe sind nur einige ihrer Erkenntnisse. Aus diesen Erkenntnissen haben sich eigene Arbeiten entwickelt, die nun auf der Schulwebsite angeschaut werden können (siehe Link oder QR-Code). Wer jeweils lieber den Film vor der Filmkritik schaut, sollte sich nun vor dem Weiterlesen doch eher den Kurzfilmen auf der Website widmen.


Die erste Filmcrew versuchte sich mit Sozialkritik an der Download- und Updategesellschaft, eine Metapher in sich für die Fortschrittsgesellschaft, und schafft es mit dem Kurzfilm “Evolution” in einer Leichtigkeit und mit viel Flow aus der Sicht eines Ego-Shooters das Publikum mitzureissen, bis es dann abrupt mit dem knallharten, zu erwartenden aber verdrängten Ende konfrontiert wird. Oder doch nicht? Wen liessen die Filmemacher nun symbolisch sterben? Wo die Schüler eine Lösung sehen, mag in Bezug auf das Alter der jungen Filmemacher überraschen, zeigt jedoch erst der Nachspann und bestraft all jene Zuschauer, die jeweils zu früh das Kino verlassen bzw. - in diesem Fall - wegklicken.


Das Resultat der zweiten Filmcrew thematisiert in fantastischer Blockbuster-Ästhetik die Gedanken eines Schülers scheinbar an einem gewöhnlichen Schultag, was jedoch weit über jungendliche Gedankenspiele geht: What if... lautet die Frage, die zugleich den Titel des Kurzfilmes bildet. Die Auflösung der im Film durch Verschachtelung der Handlung an die Spitze getriebene pseudophilosophischen Fragestellung zeigt sich erst zum Schluss - ich gestehe - mit einem etwas selbstwilligen aber adäquaten Humor gewaltsam in der Absurdität. Die zerstörte Ernsthaftigkeit, beginnt sich an dieser Stelle erst langsam durch weitere, eigene Gedanken zu regenerieren, die von den jungen Filmemachern dem Zuschauer als Nachhall aufgezwungen werden. Die Geschichte bleibt durch die Rolle des Ich-Erzählers nicht erzählbar, die Frage muss zurückgestellt werden.


“Gutenmorden” nennt sich der dritte Kurzfilm, der nicht nur im Titel mit dem Stilmittel der Ambiguität spielt. Über einen J-Schnitt des monotonen Weckerläuten und einer filmischen Klammer nimmt er schon in der ersten Einstellung die Assoziation von Blut vorweg, das am Schluss nur zu erahnen sein wird. Um so klarer und direkter schreitet dann der Plot vorwärts. Auf unwahrscheinlich konstruktive Weise arbeiten die jungen Filmemacher in der Montage schnell und monoton gegen den Rhythymus einer klassischen Filmdramaturgie: Aufstehen, Brotstreichen, Toilette, Zähneputzen und eben: Sterben. Film vermischt sich mit Alltag und Alltag mit Film.


Diese drei Resultate der Schüler zeigen nicht nur, was im Grundlagenfach der Oberstufe auf formaler und inhaltlicher Ebene eines Mediums zu erreichen ist, sondern auch, dass die Jugendlichen nicht zum Spielball der Medien- und Konsumwelt werden müssen. Zwei Wehrmutstropfen bleiben: Schade, dass wir ab der 4. Klasse mit dem Grundlagenfach nur etwa die Hälfte der Schüler erreichen - die Schüler müssen sich zwischen Musik und Bildnerisches Gestalten entscheiden - und, dass ab dem nächsten Schuljahr das Grundlagenfach von fünf auf vier Semester gekürzt wird, was eine Einbusse im Programm oder in der Qualität der Resultate mit sich bringt.

 

Thomas Schatz, Lehrperson BG




Evolution (2:19 min) von Corsin, Nando, Fabio, Janic, Jasmin Jasko



What if... (3:53 min) von Max, Jann, Robin
 



Gutenmorden (1:06 min) von Saskia, Florian, Lisia